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Die TI ist kein Datentresor – sie ist die Vertrauensinfrastruktur der Versorgung

Die TI verbindet Identitäten, Einrichtungen und digitale Fachdienste. Das erklärt, was bei Ausfällen, Zugriffen und dem Wechsel zum TI-Gateway wirklich passiert.

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Von: Derek
Geprüft von: Sabine Lorenz und Henrik Dahl

Eine Patientin hält ihre Gesundheitskarte hoch und fragt: „Ist da meine Krankengeschichte drauf?“ Im selben Moment meldet das Praxisverwaltungssystem: „TI nicht erreichbar.“ Ist damit gerade der Zugang zu einer zentralen Patientenakte ausgefallen?

Nein. Die Telematikinfrastruktur, kurz TI, ist weder eine einzelne Anwendung noch eine zentrale Kopie aller Praxisakten. Sie ist die gemeinsame digitale Vertrauens-, Zugangs- und Kommunikationsumgebung des Gesundheitswesens. Über sie werden berechtigte Personen und Institutionen mit unterschiedlichen Fachdiensten verbunden.

Die ePA ist ein solcher Dienst. Das E-Rezept nutzt einen anderen Fachdienst. KIM ist ein sicherer Kommunikationsdienst. Die Behandlungsdokumentation der Praxis bleibt im lokalen Primärsystem. Dass diese Anwendungen dieselbe Infrastruktur nutzen, macht sie nicht zu einer einzigen Datenbank.

Warum es die TI gibt

Das Gesundheitswesen war schon vor der TI digital, aber seine Systeme waren voneinander getrennt. Praxen, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen arbeiteten mit eigenen Netzen, Produkten und Identitäten. Informationen wanderten häufig per Brief, Fax oder über Insellösungen. Für sektorübergreifende digitale Prozesse fehlten gemeinsam geregelte Identitäten, Zugriffsrechte, Sicherheitsanforderungen und technische Standards.

Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurde Anfang der 2000er-Jahre die elektronische Gesundheitskarte auf den Weg gebracht. Am 11. Januar 2005 gründete die gemeinsame Selbstverwaltung die gematik. Nach Testregionen, Neuplanungen und erheblichen Verzögerungen wurde die TI schrittweise ausgebaut. 2019 übernahm das Bundesgesundheitsministerium 51 Prozent der gematik.

Die Entwicklung begann sichtbar mit Karte, Kartenterminal und Konnektor. Inzwischen reicht sie weit darüber hinaus: Versichertenstammdatenmanagement, KIM und eArztbrief, eAU, E-Rezept und ePA sind unterschiedliche Anwendungen und Prozesse im TI-Ökosystem.

Das richtige Denkmodell: Ausweis, Zufahrt und Fachdienst

  • Identitäten und Karten sind Ausweise oder Schlüssel. eGK, elektronischer Heilberufsausweis und Institutionskarte weisen je nach Vorgang Versicherte, Heilberufler oder Einrichtungen aus. Ein Ausweis ist nicht automatisch der Speicherort der medizinischen Daten.
  • Der TI-Zugang ist die abgesicherte Zufahrt. Er erfolgt derzeit über einen lokalen Konnektor oder über ein TI-Gateway, bei dem zugelassene Rechenzentrumsleistungen den Zugang bereitstellen.
  • Fachdienste erfüllen jeweils eine konkrete Aufgabe. E-Rezept-Fachdienst, ePA-Aktensystem und KIM haben verschiedene Daten, Betreiberrollen und Zugriffsregeln.
  • PVS und Apothekensoftware sind die Arbeitsoberflächen. Dort erlebt das Team den Prozess; Bedienung und Fehlermeldungen hängen auch vom jeweiligen Primärsystem ab.

Dieses Modell ist nicht technisch vollständig. Es verhindert aber den entscheidenden Fehler: Gemeinsame Infrastruktur bedeutet nicht gemeinsamer Datentopf.

Wofür die TI zuständig ist

Identitäten und Berechtigungen

Digitale Versorgung muss verlässlich unterscheiden, ob eine versicherte Person, ein Arzt, eine Apotheke oder eine Institution handelt. Der elektronische Heilberufsausweis kann zusätzlich qualifizierte elektronische Signaturen ermöglichen; die Institutionskarte weist die Einrichtung aus.

Identität beantwortet „Wer handelt?“. Gesetz und jeweilige Anwendung beantworten zusätzlich „Was darf diese Identität in diesem Vorgang tun?“. Ein gültiger Ausweis allein eröffnet deshalb keinen pauschalen Zugriff auf Gesundheitsdaten.

Sichere Kommunikation

KIM – Kommunikation im Medizinwesen – ist ein sicherer, E-Mail-ähnlicher Kommunikationsdienst für verifizierte Teilnehmer. Darüber werden etwa eArztbriefe übermittelt. KIM ist aber nicht die ePA. Ein versendeter Arztbrief wird nicht allein durch den Versand automatisch Teil der ePA.

Zugang zu Fachdiensten

Ein E-Rezept liegt nicht auf der Gesundheitskarte, sondern im E-Rezept-Fachdienst. Die eGK kann in der Apotheke als Zugangsmittel zur Einlösung dienen. Auch die ePA liegt nicht auf dem Kartenchip; sie besitzt ein eigenes Aktensystem und eigene Zugriffsregeln.

Verbindliche Standards

Damit Produkte verschiedener Hersteller zusammenarbeiten, braucht es Spezifikationen, Zulassungen, Verzeichnisse und Sicherheitsvorgaben. Nach § 311 SGB V gehören Aufbau und Weiterentwicklung der TI, Festlegungen und Zulassungen sowie Aufgaben zur Interoperabilität zum gesetzlichen Auftrag der gematik. Das bedeutet nicht, dass die gematik jedes Produkt herstellt, jeden Fachdienst selbst betreibt oder der erste Supportkontakt für jede Praxisstörung ist.

Fünf Missverständnisse mit praktischen Folgen

1. „Die TI ist eine zentrale Gesundheitsdatenbank“

Medizinische Daten liegen je nach Vorgang an unterschiedlichen Orten: in der lokalen Praxisakte, in einem KIM-Postfach, im E-Rezept-Fachdienst oder im ePA-Aktensystem.

Praxisfolge: Aus „TI erreichbar“ folgt nicht, dass ein Dokument in der ePA vorhanden ist. Aus „TI gestört“ folgt nicht, dass die lokale Praxisdokumentation verschwunden ist.

2. „Befunde und Rezepte liegen auf der Gesundheitskarte“

Die eGK enthält unter anderem Versichertenstammdaten und dient bei mehreren Anwendungen als Identitäts- und Zugangsmittel. Sie ist kein medizinischer USB-Stick.

Patientenerklärung: „Die Karte hilft dem System, Sie zuzuordnen und einen erlaubten Vorgang zu starten. Ihre ganze Akte liegt nicht auf dem Chip.“

3. „Die gematik betreibt alles und kann alles sehen“

Die gematik setzt Rahmenbedingungen, spezifiziert, koordiniert und lässt Produkte, Dienste und Anbieter zu; bestimmte Aufgaben übernimmt sie selbst. Viele Produkte und Betriebsleistungen stammen jedoch von zugelassenen Anbietern. Technische Zuständigkeit begründet außerdem kein pauschales Recht, medizinische Inhalte zu lesen.

Praxisfolge: „Die TI ist kaputt“ ist noch keine Diagnose. Zuerst die Ebene bestimmen: Internet/Praxisnetz, Kartenterminal, Konnektor oder TI-Gateway, PVS-Modul, KIM-Anbieter oder konkreter Fachdienst.

4. „Wenn die TI sicher ist, ist automatisch die Praxis sicher“

Die TI definiert hohe Anforderungen für ihre Komponenten, Dienste und Verbindungen. Sie ersetzt aber keine lokalen Updates, Backups, Rechtekonzepte, Netztrennung, Mitarbeiterschulung oder Reaktion auf Sicherheitsvorfälle.

Praxisfolge: TI-Sicherheit und Praxis-IT-Sicherheit greifen ineinander, sind aber nicht identisch. Die Verantwortung für lokale Systeme und Abläufe bleibt bestehen.

5. „TI-Ausfall heißt: Die Praxis kann nicht arbeiten“

Eine Störung kann einzelne oder mehrere Prozesse beeinträchtigen – etwa E-Rezept, ePA, KIM, eAU oder VSDM. Ob die lokale Dokumentation weiterläuft und welches Ersatzverfahren gilt, hängt vom betroffenen Dienst, dem PVS und dem konkreten Vorgang ab.

Praxisfolge: Erstellen Sie keine einzige allgemeine „TI-Ausfallanweisung“, sondern kurze Ablaufkarten pro Prozess.

Die Ausfallkarte, die jede Praxis braucht

Für E-Rezept, KIM/eArztbrief, eAU, ePA und VSDM sollte jeweils auf einer Seite stehen:

  1. Woran erkennen wir die Störung? Konkrete Meldung und Gegenprobe.
  2. Was funktioniert weiter? Lokale Dokumentation und nicht betroffene Dienste benennen.
  3. Welches Ersatzverfahren ist zulässig? Keine improvisierten unsicheren Kanäle verwenden.
  4. Was muss später nachgeholt werden? Zuständigkeit und Frist festlegen.
  5. Wen kontaktieren wir? PVS-Support, TI-Dienstleister oder Anbieter des betroffenen Dienstes samt Vertragsdaten.

Eine solche Karte verkürzt die Fehlersuche und verhindert, dass ein Ausfall eines Dienstes vorschnell als Totalausfall behandelt wird.

Konnektor, TI-Gateway und TI 2.0: Was sich ändert

Der technische TI-Zugang ist 2026 sowohl über einen lokalen Konnektor als auch über ein TI-Gateway möglich. Beim TI-Gateway wird die Konnektorleistung aus der Einrichtung in ein zugelassenes Rechenzentrum verlagert. Das kann Betrieb und Wartung vereinfachen, beseitigt aber weder Abhängigkeiten vom Praxisnetz und PVS noch die Notwendigkeit klarer Support- und Ausfallprozesse.

Die TI 2.0 wird nicht an einem Stichtag vollständig eingeschaltet. Die gematik beschreibt eine schrittweise Modernisierung hin zu stärker software- und identitätsbasierten Zugängen und einem Zero-Trust-Modell. Dabei wird eine Berechtigung nicht allein deshalb angenommen, weil ein Gerät „im geschlossenen Netz“ steht; Identität, Gerätezustand und Zugriffskontext sollen fortlaufend geprüft werden.

Für die Praxis ist wichtig: Ein TI-Gateway ist bereits ein nutzbarer Zugangsweg, aber nicht gleichbedeutend mit der vollständig umgesetzten TI 2.0. Lokale Einbox-Konnektoren dürfen nach dem gematik-Beschluss maximal bis Ende 2030 genutzt werden; ihre individuelle Laufzeit kann früher enden. Wechselentscheidungen sollten daher an Zertifikatslaufzeiten, Verträgen, PVS-Kompatibilität, Ausfallszenarien und tatsächlichen Betriebskosten ausgerichtet werden – nicht nur an einem Schlagwort.

Vier korrekte Sätze für Patientengespräche

  1. „Die Gesundheitskarte ist ein Zugangsmittel, keine vollständige Krankenakte.“
  2. „Die ePA ist ein eigener Dienst und ersetzt unsere Praxisakte nicht.“
  3. „E-Rezept, ePA und sichere Arztpost sind verschiedene Dienste mit eigenen Regeln.“
  4. „Digital verbunden heißt nicht, dass jede beteiligte Stelle alle Daten sehen kann.“

Die präzise Antwort auf die Eingangsfrage lautet deshalb:

„Ihre Krankengeschichte liegt nicht auf der Karte. Die Karte hilft bestimmten Diensten zu erkennen, wer Sie sind und welcher Zugriff im jeweiligen Vorgang erlaubt ist. Unsere Praxisakte, Ihre ePA und das E-Rezept bleiben verschiedene Systeme.“

Das klingt zunächst differenzierter als „alles ist in der TI“. Es ist aber das einfachere Arbeitsmodell – weil es auch dann noch stimmt, wenn eine Anwendung ausfällt, ein Dokument fehlt oder die Praxis ihren Zugangsweg wechselt.

Quellen

Stand: 31. August 2026. Der Beitrag bietet eine allgemeine redaktionelle Einordnung und keine individuelle Rechtsberatung.